Gedanken zur Jahreslosung 2006


"Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht"
(Josua Kapitel 1,Vers 5)


"Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht." Dieses Versprechen berührt das Innerste. Kann es jemanden geben, der nicht die elementare Angst hat fallen gelassen und verlassen zu werden? Es sind die Urängste der Kinder, den Eltern von der Hand zu gleiten und dann einsam und verlassen da zu stehen. Ganz selten hören wir, dass Kinder ihre Eltern fallen lassen. Wenn dann erst spät, wenn sie alt und lästig werden. Aber immer wieder hört man die bitteren Worte: "Du bist nicht mehr mein Sohn" oder einzelne Fälle von muslimischen Familien, in denen es heißt: "Du bist nicht mehr unsere Tochter".

Viele – vielleicht alle? – machen im Verlauf ihres Lebens eine solche bittere Erfahrung.. Dann stehen Eheleute, die verlassen werden, oft nach vielen Ehejahren vor dem Scherbenhaufen ihres bisherigen Lebens. Firmen lassen ihre Mitarbeiter nach Jahrzehnten einfach fallen. Wie oft ist die Rede vom Kostendruck verlogen und zerstört Vertrauen!

"Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht." Wenn das Menschen zueinander sagen – und das Versprechen auch in Krisenzeiten einlösen – wie gut geht es ihnen da! Um so eindringlicher werden solche Worte, wenn sie von Gott, der alles bestimmenden Wirklichkeit, den Menschen gesagt werden, sofern sie diesem Wort Gottes vertrauen können.

Die Erfahrung des Glaubens zeigt, dass mit diesem Versprechen kein Rundumsorglospaket gemeint ist. Auch steht hinter diesem Versprechen nicht der ins unendliche gesteigerte Alles-Beruhiger, eine Art Super-Super-Nanny, deren Beistand eine Art umfassender Lebensversicherungsvertrag wäre. Das auf Gott vertrauende Leben ist komplizierter – und zugleich einfacher.

Wie kompliziert es sein kann zeigt das Umfeld, in dem dieses großartige Beistandsversprechen Gottes in der Bibel steht. Es gilt ja zunächst Josua, dem Nachfolger von Mose, der das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat und der ihm die Tora, das Lebensverheißende Gesetz mit den Geboten überbracht hat. Dem Josua verspricht Gott seinen Beistand bei der Eroberung des versprochenen Landes Kanaan.

Der Zuwendung Gottes folgt der Gehorsam des Menschen. Allerdings meinten damals Theologen des erwählten Volkes, der unbedingte Gehorsam gegen Gottes Gebote bedeute die totale Vernichtung der kanaanäischen Völker mit samt ihrer Kultur. Darin sahen sie ein Gottesereignis. Deren theologisches Modell ging davon aus, dass Gottes seine Zusage halten werde, wenn sich Israel unter keinen Umständen mit dem Fremden vermische. Und so berichtet die Bibel von der Ausrottung der Bevölkerung, des Viehs und der Zerstörung der kanaanäischen Städte. 31 Völker sollen zugrunde gegangen sein. Zwar wissen wir durch archäologische Funde, dass dies vermutlich so nicht geschehen ist, aber das theologische Modell ist Wirklichkeit und steht so in der Bibel: Die Verheißung Gottes erfüllt sich nur, wenn die Menschen ihr im Gehorsam gegen sein Gesetz und in Reinheit entsprechen.

Dieses Modell eines Gottesverhältnisses hat sich tief in die Menschenseele eingegraben. Wie oft meinen wir, ob Gott uns hält oder fallen lässt, hänge von unserem Verhalten ab! Richtig daran ist, dass Gott nicht der große Überseher unserer Schuld und unseres Versagens ist. Was wir tun, verbindet sich mit uns, wird ein Teil von uns, für den wir Verantwortung tragen müssen. Anders wären wir ja auch keine freien Menschen.

Dennoch steht diesem komplizierten Zusammenhang eine neue Einfachheit gegenüber, die in Jesus von Nazareth, dem neuen Gottesereignis, aufleuchtet. Gott fordert kein Opfer, auch keine Opfer des Lebens von uns. Gott selber begibt sich in den Gewaltzusammenhang der Welt, um die Menschen zu versöhnen. Damit will er uns zeigen, dass Gottes Liebe immer noch größer ist als unsere Schuld und unser Versäumnis. Gott dreht den Zusammenhang um: Nicht weil wir seinem Willen entsprechen, hält er uns. Sondern weil er uns hält, entsprechen wir dem, was er will. So gut, wir das können.

Jedoch will er auch, dass wir in seine Güte zurückkehren, wenn wir unser Leben falsch leben. Gottes Versprechen zu vertrauen heißt, vollständig in seine Güte zu versinken. Er lässt seine turbulente Welt nicht fallen und verlässt sie nicht.


Steinacker Von Prof. Dr. Peter Steinacker

Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau





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