Professor Scherle, Direktor der Theologischen Seminars Herborn und dort für die Bereiche "Kirchentheorie und Kybernetik" zuständig, sprach am 16. November 2005, dem Buß- und Bettag, auf Einladung des Kirchenvorstands im Thomaszentrum. 30 Zuhörerinnen und Zuhörer waren gekommen und folgten interessiert seinem mehr als eineinhalbstündigen Referat, in dem er wichtige Impulse für die weiteren Diskussionen zur Zukunft der Gemeinde und der Kirche in Gießen gab. Seine „Re-Visionen“ entwickelte Scherle vor dem Hintergrund der Entwicklung der Thomasgemeinde, die er in seiner Präsentation den Zuhörenden auch bildlich immer wieder vor Augen führte. Scherle erinnerte daran, dass die "geglaubte Kirche" als universale Gemeinschaft der Heiligen aller Zeiten und aller Orte, und die "Kirche vor Ort", also die konkrete Versammlung der Gläubigen, zu den Sozialgestalten der Kirche gehören. Die kirchlichen Strukturen der Gemeinden und Kirchen sowie die funktionalen Dienste könnten davon nicht getrennt werden. In der Entwicklung der Kirche, so Scherle, führten die Kirchenreformen vor und um 1900 zur Ausprägung unterschiedlicher Räume wie Gemeindehaus, Gemeindebüro, Diakoniestationen, Pfarrhaus oder Kirche. Seit 1961 betone die Kirche ihren Gesellschaftsbezug genauso wie ihren Missionsauftrag gegenüber der Welt. Wichtig seien ihr die Lebensräume der Menschen geworden und die Anpassung an die vermehrte Mobilität. Die Thomasgemeinde sei in ihrer Entwicklung seit 1964 durchaus ein typisches Beispiel von Gemeinde, so der Theologieprofessor. Scherle mahnte, die "Leistungen der Kirche wahrzunehmen, zu stärken und zu pflegen". Menschen machten ihren Glauben an vier Punkten fest, nämlich an bestimmten Orten, wie der Kirche oder dem Gemeindehaus, in bestimmten Situationen, wie Gottesdiensten oder Hilfen in Notlagen, durch bestimmte Personen, wie Pfarrer/innen oder Erzieher/innen, und durch bestimmte Inhalte, wie Kirchenmusik oder Bibelkreise. Die Kirche erreiche Menschen, wenn sie ihnen Zugänge zum christlichen Glauben eröffne. Dabei müsse sie die Lebensformen der Menschen wahr- und ernst nehmen und "selbst bestimmte Kirchlichkeit respektieren", sagte Scherle. Die Kirche müsse die Präsenz in der Fläche mit der Anziehungskraft geistlicher Zentren verbinden und versuchen, eine "Landkarte kirchlicher Räume und Personen" sowie einen "Kalender zeitlicher Rhythmen und inhaltlicher Schwerpunkte" öffentlich zu machen. Angesichts der schwieriger werdenden Bedingungen, wie der sinkenden Zahl der Mitglieder und immer mehr Konfessionsloser sowie möglicherweise stark sinkender Einnahmen, schlug Scherle vor, die Kirchengemeinde solle beispielsweise versuchen, die Zahl der Eintritte und Wiedereintritte zu steigern. Menschen mit diffusen Glaubensvorstellungen sollte die Gemeinde zur inhaltlichen Klärung ihrer Fragen einladen und versuchen, die "Gleichgültigen" einzubinden. Außerdem müssten Gemeinden neue finanzielle Ressourcen erschließen. Der Thomasgemeinde und den anderen Gemeinden im Dekanat riet Professor Scherle, nicht solange wie möglich am Status quo festzuhalten. Vielmehr sollten sie durch Konzentration und Profilierung die gegenwärtigen Herausforderungen annehmen. Scherle: "Menschen müssen neu sagen können, Kirche ist für mich da!" mkr Mehr Nachrichten aus der Thomasgemeinde © Evangelische Thomasgemeinde Giessen Impressum Kontakt Email Web-Site selfmade |