Theaterfestival diskurs 05 im Thomaszentrum

Sieben Streichhölzer lang Licht


diskurs05 Wetten, dass Sie noch nie einziger Zuhörer im Theater waren? Ich schon. "Wir holen Sie zuhause ab", sagte die freundliche Stimme am Telefon. Das hatte ich noch nie erlebt. Wir begegneten uns gleich vor meiner Gartentür. Eine junge Dame, dunkel gekleidet, sagte ein kurzes Willkommen. Sie war auffallend wenig gesprächig. Das Spiel hatte begonnen. Vor der Thomaskirche war unter einem Zeltdach, das vor dem herbstlichen Nieselregen schützte, eine Sitzgruppe mit zwei Hockern hergerichtet.
Eine andere junge Frau begrüßte mich kurz, jedoch sehr freundlich lächelnd, und bot mir eine Decke gegen die Kälte und einen Becher mit Glühwein an. Ein Strahler zwischen Hecke und Kirchenwand ließ die Dämmerung weniger kühl erscheinen.

Ob sie Gießen kenne, fragte ich meine Nachbarin. Sie und ihre Truppe kämen von Hamburg, aber sie sei hier in die Schule gegangen. Kein Wort zuviel. Wir warteten so, bis die eigentliche Vorstellung beginnen sollte. Was denn in dem goldfarbenen Kästchen auf dem dritten Hocker sei. Das bekäme ich noch zu sehen. Stille. Der Plattenweg zum Kircheneingang war gleichmäßig wie ein Teppich mit Herbstlaub bedeckt worden.

Plötzlich wurde ich eingeladen mitzukommen. Es ging zum Eingang hin. Davor wurde das Goldkästchen aufgeklappt. Es lag eine Schachtel darin mit sieben spannenlangen Streichhölzern, so lang wie Bleistifte. Die Gebrauchsanweisung auf dem Deckel teilte mit, dass ich sie nacheinander anzünden und abbrennen könne. "Nun führe ich Sie in den Innenraum", bot meine Begleiterin an. Warum, dachte ich, ich kenne mich doch hier aus. Sie nahm mich am Arm, und das war gut. Denn kaum ging die Tür auf, schienen mich dutzende gleißende Sonnen anzustrahlen. Man schloss instinktiv die Augen. Unter den Füßen raschelte wie draußen trockenes Laub.

Die Tür zum Kirchenraum wurde aufgetan. Finsterste Dunkelheit herrschte im Innern. Ich wurde am Arm sanft weitergeführt. Was ist das? Ich ging auf frisch aufgeworfener Erde. Wie auf einem gerade geeggten Acker. Unglaublich. "Hier ist eine Bank, auf der Sie Platz nehmen können", flüsterte meine Führerin. Meine Hand tastete. Tatsächlich, ein Platz für Sicherheit war da, ein Platz zum erst einmal Luftholen. Ich konnte nicht weit weg vom Altar sein, da wir in der Dunkelheit nur wenige Schritte gegangen waren. Die Streichholzschachtel legte ich neben mich bereit.

Kaum dass ich Platz genommen hatte, begann ein tiefer, dissonanter Orgelton den Raum zu füllen, nicht laut, aber unbehaglich. Ich fingerte nach der Schachtel und versuchte, mein erstes Streichholz anzuzünden. Hatte ich je schon einmal in absoluter Dunkelheit eines angezündet? Es klappte. Kaum geschehen, ging zu meiner Überraschung das Licht an der Orgel an, und ein Spieler oder eine Spielerin ließ eine getragene Melodie erklingen, nein, ein richtiges Orgelstück. Es konnte der Art nach von Johann Sebastian Bach sein. Ich mochte die Musik und versuchte, das Streichholz so lang brennen zu lassen, bis es mir an den Fingern zu heiß wurde. Kaum war das Streichholz erloschen, brach die Musik ab, und auch das Licht am Spieltisch der Orgel verschwand. Stille. Was tun? Gleich noch eins anzünden? Nein, abwarten. Aber da war er wieder, der tiefe missklingende Orgelton, jetzt schon eine bekannte Erscheinung. Bin ich verrückt? Zuhause wartet die Arbeit, und ich sitze hier im Dunkeln herum und tue nichts. Ich wartete eine Weile, der Orgelton wurde nicht müde zu wabern. Schließlich nahm ich das zweite Streichholz.

Sofort leuchtete das Licht an der Orgel wieder auf und die Musik hob an. Neben dem Orgelspieler saß wie bei dem Gedicht vom Zauberlehrling eine zweite Gestalt. Der Raum zwischen meiner Bank und der Orgel war wie ein breiter Gang mit schwarzen Teppichen behangen. Den ganzen Fußboden bedeckte frische, braune Erde. Das Unheimliche der Szene wich etwas, die Musik hörte sich schön an.

Wieder Stille, nachdem mein Streichholz abgebrannt war. Wieder der bekannte Orgelton. Ich hatte Zeit wie beim stillen Gebet während des Gottesdienstes. Keiner wollte etwas von mir, keiner sprach mich an.

Das Spiel wiederholte sich. Ich setze da ja etwas in Gang mit meinem Hölzchenanzünden, wurde mir bewusst. Der stumme Darsteller stand bei den nächsten Orgelstücken, bei denen immer nur mein Zündholz und das Licht dort am Spieltisch den Raum zu erhellen versuchten, wie eine Statue zuerst hinter dem Organisten, dann beim nächsten Mal in der Mitte des Raumes mit dem Profil zu mir. Während der darauf folgenden Stille und in der vollkommenen Finsternis hörte ich Schritte, die sich mir näherten. Von neuem wurde das etwas unheimlich. Würde er mich anfassen? Der Orgelton wischte diese Sorge weg.

Als mein vorletztes Streichholz aufleuchtete, stand der Stumme neben mir und schien hinter mich zu blicken. Aber er hatte die Augen geschlossen. Wir lauschten beide der Musik von Bach. Dieses Stück jetzt kannte ich gut und bedauerte, dass das Hölzchen nicht doppelt so lang war.

Beim letzten meiner Hölzer war die stumme Statue verschwunden. Nur der Spieler an der Orgel, die wohltönende Musik, der braune Erdboden, die schwarzen Wände und ich waren im Raum. Eigentlich schade, dass es kein Streichholz mehr gab. Aber die Veranstaltung im Rahmen des "europäischen diskursfestivals 05" im Oktober 2005 hieß "7 x zzzsch".

Nach dem Verklingen bot mir eine leise Frauenstimme an, mich nach draußen zu führen. Es ging an den hellen Sonnen vorbei hinaus in den regnerischen Herbstabend. Mein Dank und Abschied von den Theaterleuten. Ich konnte heimwärts gehen in dem Bewusstsein, etwas Unheimliches und doch Geborgenheit erlebt zu haben.

wg


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